2015-07-07 10:13

Managerin kämpft gegen Nestlé

Nach jahrelangem Kampf gegen Nestlé bekommt die ex Konzernmanagerin Yasmine Motarjemi den Weltkonzern nun vor ein Schweizer Gericht. Die Akten geben einen tiefen Einblick in die Führungskultur des Unternehmens.


Die Zeitungen Tages-Anzeiger/DER BUND hatten Einsicht in die Klageschrift. In ihrer Ausgabe vom 7.7.15 schreiben sie:

Es geht um eine Mobbing-Klage, die Yasmine Motarjemi gegen die Nestlé-Tochter Nestec SA eingereicht hat, nachdem sie vom Konzern im Januar 2010 entlassen worden war. Die dem Bezirksgericht Lausanne angegliederte Kammer für vermögensrechtliche Angelegenheiten des Kantons Waadt teilte am 25. Juni dem Konzern mit, sie erwarte den CEO und weitere hohe Nestlé-Kader am 16. Dezember zu einer Anhörung. Nebst Bulcke verlangt das Gericht auch das Erscheinen von José López, Generaldirektor für Konzernoperationen, Jean-Marc Duvoisin, CEO von Nespresso und ehemaliger Nestlé-Personalchef, sowie von Francisco Castañer, bis 2010 Generaldirektor mit Verantwortung für Personal und Administration. Gerichtspräsidentin Katia Elkaim bestätigte die Zeugenbefragung. Die Anhörung dürfte öffentlich sein, vorausgesetzt das Gericht rückt nicht von seinen Gepflogenheiten ab.

 

Nestlé weist die Mobbing-Vorwürfe zurück. Eine Erklärung, warum die Managerin während Jahren hochgelobt und dann fallengelassen wurde, gibt der Konzern nicht. Im Jahr 2000 war die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) abgeworbene Spezialistin für Nahrungsmittelsicherheit konzernintern als «Expertin mit internationaler Reputation» präsentiert worden. Die im Iran geborene Frau hatte international Karriere gemacht: Dem Studium in Frankreich folgte ein Doktorat in Schweden, später das Engagement in Genf bei der WHO. Tages-Anzeiger/BUND zum Nestlé-internen Werdegang:

In der konzerneigenen Lebensmittelkontrollstelle, wo sie als Food-Safety-Manager tätig war, fehlte es nicht an Arbeit. 2001 warnte Motarjemi, dass Babynahrungsprodukte zu hohe Dosen der Vitamine A und D enthielten. 2002 standen Babybiskuits von Nestlé in Frankreich in Verdacht, bei Säuglingen Erstickungsanfälle auszulösen. Yasmine Motarjemi wollte die Produktion stoppen, um den Vorfällen auf den Grund zu gehen. Am Ende einigte man sich darauf, eine andere Mehlsorte zu benützen und das Mindestalter für den Konsum der Biskuits von 8 auf 15 Monate zu erhöhen. 2005 kam es zu einem weiteren Vorfall: Bei Nestlé-Babynahrungslösungen in Italien wurden Spuren der Tintenchemikalie ITX gefunden. Sie stammten von den Ver­packungen. Bis Ende 2005 beurteilten die Vorgesetzten Yasmine Motarjemis Leistungen gemäss mehrerer Beweisstücke stets mit «weit über den Erwartungen», obwohl sie kein Pflichtenheft hatte, ihr Tätigkeitsfeld für die Nahrungsmittelsicherheit also nicht genau definiert war.

 

Das Zerwürfnis mit Nestlé begann 2006, als die Abteilung Qualitätsmanagement in der Konzernzentrale in Vevey VD und damit auch Yasmine Motarjemi einen neuen Chef bekam. R. S. kam als Qualitätsmanager von Nestlé Frankreich nach Vevey. Die beiden waren in der Affäre um die Kinderbiskuits bereits einmal wegen Meinungsverschiedenheiten aneinandergeraten. In der ersten Leistungsbeurteilung stellte R. S. seiner Untergebenen ein miserables Zeugnis aus. In der Klageschrift heisst es, R. S. habe für staatliche Lebensmittelkontrolleure, aber auch internationale Organisationen wie die WHO wenig Respekt gehabt. R. S. soll Yasmine Motarjemis Vorschlag zur Verbesserung der Sicherheit eines Produktes in einem Schulungsvideo mit den Worten «Quack Quack der WHO» bezeichnet haben. Gemäss Aussagen der Klägerin habe R. S. sie gegenüber Mitarbeitern ständig herabgesetzt, diskreditiert, ihr kontinuierlich Verantwortung entzogen, Aufgaben an ihr Unterstellte delegiert und am Ende ihr siebenköpfiges Team aufgelöst. Schliesslich sollte die ahnungslose Motarjemi versetzt werden. Sie wehrte sich und gelangte bis an die oberste Führung. Sie informierte Nestlé-CEO Paul Bulcke, und ihr Dossier gelangte gar auf das Pult von VR-Präsident Peter Brabeck-Letmathe. Doch der Wunsch nach einer Administrativuntersuchung wurde negiert. Tages-Anzeiger/BUND weiter:

 

Nestlé kündigte Yasmine Motarjemi im Januar 2010 und bot ihr 300'000 Franken Abgangsentschädigung an. Sie lehnte ab. Zwar publizierte sie danach eine Enzyklopädie für Nahrungsmittelsicherheit, gab in den USA einen preisgekrönten Führer für die Sicherheit in der Nahrungsmittelindustrie heraus, schreibt Artikel für wissenschaftliche Zeitschriften und tritt bei UNO-Organisationen und an Anlässen des Europarats regelmässig als Expertin auf, doch die ehemalige Kaderfrau fühlte sich von Nestlé gedemütigt, wirkt bis heute erschöpft und kämpft mit psychischen Problemen. Dafür macht sie Nestlé verantwortlich und verlangt vom Konzern eine moralische Wiedergutmachung von einem symbolischen Franken. Darüber hinaus soll Nestlé 2 Millionen Franken für verlorene Gehälter bis zur ordentlichen Pensionierung im Jahr 2019 und 100'000 Franken Kostenentschädigung für medizinische Behandlungen zahlen.

 

Affaire à suivre.

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