2012-06-12 09:51

Wasserstreit an der ETH Zürich

Einmal mehr trat Nestlé-Präsident Peter Brabeck als prominenter Warner vor akutem Wassernotstand auf. Doch nicht wenige Teilnehmer und Teilnehmerinnen einer Wasserveranstaltung an der ETH Zürich durchschauten seine wohlmeinenden Worte.


"Welchen Wert hat das Wasser?" fragte die ETH am 11. Juni. Die Referenten Peter Niggli, Geschäftsleiter der Alliance Sud, Janet Hering, Direktorin Eawag und Professorin ETH Zürich/EPFL sowie Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck hielten die Einleitungsreferate. Peter Brabeck stellte seine Worte unter den Titel "Wasser braucht einen Preis".


Eindrücke von "Bottled Life"-Regisseur Urs Schnell:

Welche sinnstiftende Bedeutung die Märkte "auf dem Weg aus der globalen Wasserkrise" haben, blieb in Brabecks Referat offen. Brabeck wies darauf hin, dass Nestlé zwischen 2001 und 2011 seinen Wasserverbrauch in der industriellen Produktion von 4,5 Litern pro US$-Umsatz auf 1,5 Liter gesenkt habe. Das mag stimmen. Warum aber verschwieg der Wirtschaftskapitän, dass Nestlé im gleichen Zeitraum seine Flaschenwasserproduktion massiv ausweitete und damit das eingesparte Wasser mit dem Mehrumsatz gleich wieder verbrauchte?

Dass Nestlé sein Wasser rund um die Welt gratis oder zu einem verschwindend kleinen Preis einkauft, dann aber mit Riesenprofiten in umweltschädlichen PET-Flaschen weiterverkauft, verschwieg Brabeck. Er verschwieg auch, wieviel Nestlé für sein Wasser in Problemstaaten wie Pakistan und Nigeria zahlt. In beiden Ländern verkauft Nestlé sein "Pure Life" an die Mittel- und Oberschicht.

Einmal mehr bemühte der oberste Nestlé-Mann seine berühmteste Zahl: 0,0009 Prozent. Soviel soll der Anteil der Nestlé-Wasserdivision am global genutzten Süsswasser betragen. Damit redet Brabeck den Nestlé-Wasserverbrauch klein. Nota bene: Nestlé macht aus Wasser wiederum Wasser und steckt den Profit in die eigene Tassche (und diejenige seiner Aktionäre). Gleichzeitig sagt Brabeck: "Wasserverfügbarkeit ist kein globales Problem. Wasser ist lokal." Genau das ist der Punkt. In den USA wehren sich zum Beispiel Immer mehr Gemeinden dagegen, dass Nestlé ihr Wasser lokal abpumpt und den Profit „overseas“ einsteckt. Über den Einfluss der lokalen Nestlé-Wasserentnahmen streiten Experten. Gerichte müssen sich einschalten. Es ist ein Kampf mit harten Bandagen, und er kostet die Communities viel Geld.

Auch in Pakistan pumpt Nestlé das Wasser lokal ab. Neben Dörfern, die kaum genügend sauberes Trinkwasser haben. Warum veröffentlicht Nestlé eine nachgebesserte Umweltverträglichkeitsprüfung nicht, die der Konzern zur Erweiterung seiner grossen Sheikupura-Fabrik in Pakistan machen musste?

Leider war der Rahmen der ETH-Veranstaltung derart, dass Peter Brabeck diese Fragen gar nicht gestellt werden konnten. Die Publikumsdiskussion am Schluss war kurz und limitiert. Eine thematisch ausufernde Podiumsveranstaltung eben und kein Diskurs. Schade, dass die ETH-eigenen "Challengers", darunter zwei Studenten und ein Professor für Umweltphysik, eine interessante Untersuchung des ehemaligen ETH-Doktoranden Niels Jungbluth nicht ins Spiel brachten. Jungbluth hatte für den schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches SVGW 2006 einen Vergleich der Umweltbelastungen von Hahnenwasser und Mineralwasser durchgeführt. Das Fazit ist vernichtend für die Flaschenwasserindustrie.

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